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Hier können sie einen kleinen Exkurs in die Welt meiner Kurzgeschichten machen. Übrigens, es ist nachzulesen, dass Sherwood Anderson vor Ernest Hemingway die Kurzgeschichte schon prägte.


Der seltsame Raum

Durch den spärlich beleuchteten Raum wabert feuchte Luft. Es riecht nach menschlichem Schweiß. Personen sitzen dort zusammengekauert, manche mit angezogenen Knien. Andere liegen ausgestreckt auf den knarrenden Holzpritschen.
Alle zehn bis fünfzehn Minuten öffnete sich die Tür mit der kleinen beschlagenen Glasscheibe. Menschen erheben sich klatschnass und verlassen keuchend den Raum. Andere betreten ihn, suchten sich einen Platz auf dem hölzernen Lager. Es ist brühheiß. Manche klagen leise und gelegentlich. Gespräche finden nur selten statt. Die Atmosphäre ist lähmend, einschläfernd und auch alarmierend für den Kreislauf. Keiner würde es in diesem Holzkasten länger als eine halbe Stunde aushalten. Entspannung und Verderben sind sich hier, in dieser heißen und schweren Atmosphäre, so nahe. Süße, gärige, anziehende und abstoßende Gerüche stehen körperlos im Raum.
Dieser Ort ist öffentlich, für jeden Menschen zugänglich.
Meine Gedanken sind diffus und sprunghaft. Wie in einem künstlichen Fieber flackern sie durch mein Hirn.
Alle Personen sind hier nackt. Wir sind uns denkbar ähnlich aber nicht direkt gleich. Individuen in einer kleinen, abgeschirmten Saunaöffentlichkeit.
Was wohl keiner von ihnen gern zugeben würde, ist die Tatsache, dass jeder so manches Mal, wenn er sich unbeobachtet fühlt, in den Spiegel der Anlage schaut. Nur eine kleine Kontrolle, eine Bestätigung, das Verwerfen eines quälenden Gedankens an die Narbe, den hängenden Po oder das fehlende Bein.
Ich bin doch wohl nicht zu dick. Sehe noch ganz attraktiv aus. Meine Armmuskeln sind kräftiger geworden. Früher saß mein Po höher. Dieses fette Arschloch dort drüben mit seiner Goldkette um den dicken Hals könnte mein Chef sein. Ist der widerlich. Der Typ dort auf dem klatschnassen Holz schaut mich immer an, wenn er sich den Schweiß von der Stirn wischt - den Kopf dabei neigt und auffällig weit zu mir rüberdreht. Die Frau, dort am Ofen, die ist bestimmt schwanger. Ob sie auch einen Kerl hat? Oh, die dort, die ist wirklich hübsch. Aber angezogen fände ich sie noch reizender.
Jedes Mal, wenn ein Vater nahezu lautstark zu seiner Tochter etwas sagt, spricht er belangloses Zeug. Möglicherweise tut er dies wegen einer unergründbaren Verlegenheit.
Die Gedanken kommen und gehen. Sie verbrennen in der Luft, verwerfen sich im Gewirre vieler unausgesprochener Worte.
Die Nacktheit, diese Schutzlosigkeit, die eigenartige Gleichheit löst einen gelegentlichen Blick aus. Dieser Blick wandert angstvoll und haltlos umher, streicht flüchtig über den eigenen und über den anderen Körper. Er vergleicht Haut, Gliedmaßen, Hüftschwünge, Nackenpartien und Körperbehaarung.
Sind die Narben, die die Kinder in die einstmals so zarte ungebrochene Linie jener Frau gerissen haben, mit der Zeit etwa tiefer geworden? Hat jener Mann dort drüben nicht eine größere männliche Extremität, die beachtlich über dem Durchschnitt liegt? Was ist mit dem dort, der seinen vom Wohlstand ins Groteske verrissenen Körper gerade, scheinbar unbeobachtet, im Spiegel betrachtet? Wie ist das mit den viel zu kleinen Brüsten meiner Sitznachbarin? Ist sie sich dieser Tatsache bewusst? Leidet sie vielleicht darunter, träumt sie von Silikon?
Die Angelegenheit in diesem Raum ist das Schwitzen, das Öffnen der Poren, das Erinnern an das Paradies, in dem es kein Schamgefühl gab, das Nebeneinanderstellen von körperlicher Perfektion und Unvollkommenheit. Das Ausruhen und Entspannen. In diesem fremdartigen Raum bleibt die Kreatur trotz ihrer grenzenlosen Blöße irgendwie unerkannt. Der heimliche Blick der Phantasie entkleidet die Angezogenen.
Wenn wir ein paar Worte miteinander wechseln, dann schauen wir uns in die Augen, ganz angestrengt, ganz absichtlich. Wir sind so stark und schauen nicht nach unten. Wir reichen uns bei einer zufälligen Begegnung nur selten die feuchte Hand. Wir umarmen uns auch nicht, wenn wir uns begegnen - wir, die einander mögen. Die Nacktheit verändert unser Verhalten. Wir haben keine Hosentaschen, in denen wir unsere feuchten Hände vergraben können. Wir rauchen keine Zigaretten an, um intime Gerüche zu verschleiern. Wir lesen keine Zeitung, heben kein Glas an unsere Lippen. Alle Menschen sind in diesem Holzkasten gleich und allein, für sich wie draußen, nur ehrlicher, elementarer, vielleicht sogar zwangloser.
Der einschneidende Sitz des Höschens, die schiefe Krawatte, der offene Hosenstall, der zwickende Büstenhalter - diese Dinge existieren hier nicht.
Was aber geschähe, wenn die vor Hitze schreiende verzogene Tür dort drüben sich nicht mehr öffnen ließe? Was würde hier dann wohl ereignen?
Ich stelle es mir einmal vor, nur so zum Spaß:
Der alte Mann dort, der wie ein Embryo neben dem Ofen hockt, erhebt sich langsam. Er wankt erschöpft zum Ausgang. Er drückt den Holzgriff, stemmt sich gegen den Widerstand des Schlosses und des Türblattes. Ein glänzender Tropfen Schweiß schlenkert an seiner porigen Nasenspitze. Platsch! Es folgt ein neuer Tropfen.
Eine junge Frau hat anscheinend auch genug von der Hitze, sie ist dem Alten behilflich. Sie will raus aus diesem dröhnend heißen Verschlag. Ihre Brüste wippen angstvoll. Alle wollen plötzlich raus. Aber die Tür. Sie ist fest verschlossen, sie gibt nicht nach. Der Raum wird nun zum Schrein. "Das kann doch nicht, das ist" - ja, da stammelt einer die Worte bebend, er ist sichtlich beunruhigt.
"Das kann doch nicht mit rechten Dingen zugehen. Der große rote Knopf an der Holzwand, na klar, das ist doch die Rettung."
"Gleich wird einer kommen", sagt die junge Frau.
"Kein Grund zur Panik", erwidert ein durchtrainierter junger Mann.
Der scheint völlig ruhig zu sein. Er drückt den großen roten Knopf. Aber sein Penis tanzt dabei beunruhigt hin und her.
"Lassen sie mich mal ran", sagt ein kräftig gebauter Mittfünfziger.
Der wirft sich mit seiner gesamten Körpermasse gegen die Tür. Diese aber ruht unbeweglich im Schloss.
"Nehmen sie die Nackenstütze und schlagen sie endlich das Fenster ein."
Eine kleine dicke Frau schaukelt mit ihren X-Beinen, ihren hölzern wirkenden Hüften zur Tür, schleudert eine Nackenstütze in das abgemessene Glas.
Das Licht da draußen ist eben erloschen. Das Fenster ist aus Sicherheitsglas. Es kann nicht einfach zerschmettert werden. Holz ist nicht hart genug.
Der Muskulöse Typ ist nun erregt.
"Verdammt, warum ist das Licht ausgegangen?"
Das Fenster ist zu einem kleinen schwarzen Rechteck geworden. Nicht ein kleiner Lichtschein, eine letzte Reflektion ist zu sehen. Ein bekanntes Geräusch, wie etwa das Plätschern der Duschen, ist nicht mehr zu hören. Es ist schwarz und heiß, heißer noch als zuvor. Die heraufkommende Beklemmung ist körperlich zu spüren.
Ich richte mich auf und versuche meine Augen an die neue Dunkelheit außerhalb des Saunaraumes zu gewöhnen. Mir rinnt der Schweiß über den Körper, salzige Bäche aus Lähmung und Grausen. Allmählich. So, als würden alle Insassen unerwartet heftig schwitzen, riecht es in diesem Raum abstoßend. Oder hat da jemand einfach uriniert, ist das noch notwendig bei der schreienden Hitze? Bahnen sich bislang zurückgehaltene penetrante Körpergerüche ihren Weg in dieses heiße Verließ?
Ein Stöhnen wird immer lauter und klagender.
Da stirbt gleich einer, denke ich, wenn nicht sofort die Tür aufgerissen wird.
Was ist hier nur los? Wir hocken, kurz vor dem Ersticken, in dieser Schwitzkiste, haben nicht mehr viele Minuten, um etwas zu unternehmen und tun doch nichts. Wir sind wie paralysiert. Eine verlorene Fraktion der Nackten, die ihres Blickes und ihrer Freiheit beraubt wurden.
Was passiert unmittelbar vor dem Kollaps? Wir werden uns doch nicht schwitzend und jammernd in die Arme fallen, uns gegenseitig festhalten, an unseren zerfließenden Leibern zerren. Dann kommt irgendwann der Moment der Besinnungslosigkeit.
Ich vermute, wir sind neun Personen. Nur, das Stimmengewirr, das jetzt laut wird, gehört allenfalls fünf oder sechs Leuten. Den alten Mann höre ich nicht mehr.
Eine andere Person, wer es ist, weiß ich nicht, schleudert erneut eine Nackenstütze gegen das Fenster. Eine Frau, so glaube ich zu hören - eben noch hat sie den roten Knopf erwähnt, drückt diesen jetzt erneut. Nein sie hämmert mit der Hand dagegen, oder tritt sie mit ihrem Fuß? Nichts tut sich.
Die Hitze ist unerträglich. Es ist finster und gespenstig ruhig für Sekunden. Es riecht nach Exkrementen. Oder ist das der Geruch der Angst? Außen ist absolute Stille. Mein Herz schlägt mir aufgeregt bis in den Hals hinein. Meine Brust bebt vor Entsetzen. Ich schwimme fort in meinem Schweiß. Hinter mir entsteht Gedrängel, eine plötzliche Panik. Glatte heiße Körper gleiten seifig an mir vorbei, werfen mich zur Seite. Sie drängen und schlängeln sich wie Würmer an die Tür heran. Dort ist das schwarze Rechteck. Einer muss sich übergeben. Eine Frau schreit hysterisch in die Dunkelheit hinein. Ein alter Mann sagt, dass er sterben werde und faselt von einer eiskalten Dusche. Das Kind ruft immer wieder nach seiner Mutter. Die aber antwortet nicht.
Jetzt will ich mir dieses Szenario nicht weiter ausmalen. Ich möchte gehen und erhebe mich. Nur raus hier, denke ich.
Mein neues Saunahandtuch unter den Arm geklemmt, drücke ich gegen den patinierten Holzgriff.
Die Tür klemmt unmerklich, sie lässt sich öffnen.
"Einen schönen Tag noch", höre ich mich bedächtig sagen, während in meiner Vorstellung die Tür gigantisch ins Schloss zurückfällt.


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Taxi

Am Bahnhof sitzt ein Taxifahrer hinter seinem Lenkrad und erledigt sozusagen seine kleine, über einige Tage liegengebliebene Buchführung. Es nähern sich drei Männer, so zwischen 20 und 25 Jahre alt. Sie scheinen angetrunken zu sein.

Es kommt zu folgendem Dialog:

Der Anführer der drei jungen Fahrgäste wischt sich unelegant eine fettige Strähne seines verschnittenen, halblangen Haares aus der Stirn.

"He, Taxifahrer, karr uns mit deinem Rapskocher ins Viertel, aber hurtig Meister, wir haben nicht viel Zeit, das Leben läuft uns davon.

Der Taxifahrer ist sehr vertieft in seine Arbeit, er ordnet Papiere, macht hier und dort ein Häkchen mit dem Kugelschreiber. Er blickt geistesabwesend auf.

"Wie, äh, was denn, was ist passiert? Bitte, ich habe hier noch fünf Minuten zu tun, einen Moment eben, meine Funke - die Zentrale meldet sich. Gehen sie doch eben rüber zu meiner... ."

Wortwechsel mit der Zentrale.

"Wie? Nein, ich bin nicht unterwegs, ich stehe gerade, die Fuhre zur Klinik ist erledigt, die Frau hat nichts mehr gesagt, nein, nein, sie bleibt im Krankenhaus, sie hatte schon alle ..., was? Fünf Minuten Wehen."

Der Anführer von den drei jungen Fahrgästen leckt sich die aufgesprungenen trockenen Lippen. Sein Vogelscheuchenkopf nähert sich schräg gestellt dem heruntergekurbelten Seitenfenster. Der Taxifahrer riecht den beißenden Atem des jungen Mannes.

"He, eiserner Gustav, was wirbelst du so rum in deiner Rikscha? Roll unsere ärsche mal eben ins Viertel hinein. Was ist eigentlich mit deinem Rasierwasser, Fuhrknecht, das Leben ist bald zu ende und dein Aftershave riecht wie rechtsdrehender Jogurt? Meine Kumpels und ich wollen in diesem Leben noch ins Viertel, also lass dein Lenkrad rotieren.

Der Taxifahrer ist leicht erregt, er schaut mit zusammengezogenen Augenbrauen aus seinem Wagen heraus. Er atmet sparsam.

"Sie sehen doch das ich..., im Moment bin ich nicht... und außerdem werden mir die Vorträge zu frech."

Wieder mit der Zentrale im Gespräch.

"Ja, ich stehe immer noch hier, ich hab die Frau vorsichtig in den Kreissaal, ich meine, in das Krankenhaus gefahren. Sie konnte die Treppen nicht, ihre Fruchtblase war schon mehr oder minder... , sie zog eine Tropfenspur hinter sich... ."

Anführer von drei jungen Fahrgästen - setzt ungerührt nach.

"Sag mal, warum wirbelst du so hitzig herum in deiner Rapsmühle, hast du schon geschlafen heute, was, noch nicht? Ich konnte schon Jahre nicht mehr schlafen und das ist super, Freund, einfach irre, total krass, abgefahren. Wir wollen nicht mit Fruchtblasen zusammen fahren, verstehst du, nur wir allein, ins Viertel, in diesem Winter, heute, sofort, mehr nicht. Was ist mit deinen Haaren los, hast du sie etwa in diesem Jahrtausend schon gewaschen?"

Der gestresste Taxifahrer spricht jetzt ganz langsam, erhebt dabei die Stimme.

"Wie, krass, was? E i n e n Moment noch, sagte ich das nicht schon? Ich muss hier eben etwas klären. Menschenskind Jungs, lasst mich endlich für ein paar Minuten in Ruhe und pilgert zu meiner Kollegin, die ist frei, mit gültigem Führerschein und außerdem hat sie... , nun aber ab mit euch."

Der Wortführer der drei jungen Fahrgäste - lässt sich nicht abweisen, fühlt sich eher ermutigt, ein Gespräch zu beginnen. Seine Freunde wenden sich manchmal ab und müssen lachen.

"Warum die Aufregung, Taxidriver, dreh nur nicht durch, erschieß uns nicht, wir wollen bloß mal eben ins Viertel, das dauert maximal drei Sekunden. Du bist doch Kutscher, oder? Dein Auto ist leer und wir wollen einsteigen und nur mal kurz - aber du bist ja gar nicht belastbar. Ein Taxifahrer, der einfach keinen seelischen Druck aushält, dem schon das Wasser im Hirn kocht, wenn er einen Fahrgast sieht. Meine Kumpels und ich haben zwischenzeitig unsere Geburtstage mehrfach durchgefeiert, die Schuhe besohlen lassen, uns etliche Male rasiert, während du mit deiner Zentrale die Welt neu definierst. Nun aber hurtig, hurtig, Fahrergesell."

Der Taxifahrer wird nun wütend.

"Mensch, verdammt noch mal, ich hab euch doch gesagt, ich.... oh, diese beschissene Funke! Geht endlich weiter, haut ab von meinem Taxi!"

Angestellter, gestresster Taxifahrer erneut im Gespräch mit der Zentrale.

"Herbert, nun lass mich doch bitte eben mal Luft holen, meine ganzen Quittungen... und dann stehen hier ein paar vollgedröhnte, abgedrehte Typen, die lassen mich nicht in Ruhe. Oh Shit, ich melde mich gleich wieder zurück, ja, bis dann."

Anführer der drei jungen Fahrgäste - tatsächlich vollgekokst bis zum Stehkragen. Er näselt beim Sprechen - Nasenscheidewände mit Edelstahl ausgekleidet.

Sagt mal Leute, ist das hier wirklich ein Taxi, ich glaub das nicht. Wir sind hier im Hafen. Der Karren muss ein Containerkahn mit drei Tagen Liegezeit sein - warum kannst du Taximann nicht mit Menschen umgehen? Du solltest psychologisch geschult sein, oder? Du "Freudloser" Genosse, damit du dir deine Fahrgäste nicht vergraulst oder sogar beschimpfst. Und außerdem, was ist mit deinen Haaren los? Weißt du eigentlich, das die Welt aus Galaxien besteht, das Jahr Dreihundertfünfundsechzig Tage hat und wir hier schon Lichtjahre auf einen Lift ins Scheiß Viertel warten, weißt du das, Taxischnecke, du Schwermetall? Bist du verheiratet, Mann? Was machst du sonst so, wenn du mal nicht in deinem Taxi sitzt und nicht Taxi fährst und Fahrgäste nicht auf die Folter spannst und nicht nach Milchsäure riechst und deine Haare nicht geschnitten bekommen hast, die Welt an dir vorbeirast und du kein kein kein Taxi fährst und dich nicht mit Fahrgästen streitest und du deine Fruchtblase nicht halten kannst und du vollgekokst im Kreissaal liegst, weil deine Spuren auf der Fahrbahn plötzlich und plötzlich und plötzlich weiß und weiß und weiß wie Schnee sind, wie?"

Dem Taxifahrer dreht sich alles, er will jetzt aussteigen, schielt auf seinen Elektroschocker.

"Ich werd mir doch nicht von euch dichtgedröhnten Bettnässern den Tag verderben lassen, ihr hässlichen Krähenvögel. Ich will euch jetzt mal zeigen, wie kreativ ich beim Ausquartieren von mit Drogen vollgepumpten Typen bin, die nicht und keineswegs und niemals meine Fahrgäste sein werden."

Der zweite Anführer von drei jungen Fahrgästen scheint besonnen zu sein, er erklärt und lacht - ist aber doch erschrocken, tritt etwas zur Seite:

"Lassen sie nur, unser Kumpel hier ist immer so ausgeflippt, deswegen wollte er auch vorne bei ihnen sitzen, ha, ha." Alle schütten sich aus vor Lachen.

Der sich langsam beruhigende - wieder hinsetzende - Taxifahrer muss nun auch grinsen.

"Also, steigt endlich ein und wenn's geht, seid still. Nehmt euren Irren nach Hinten. Also, ins Viertel wollt ihr - in welches Viertel denn nun?

Ein anderer von den Sonderlingen wirkt wie leicht chloroformiert, der lallt und beginnt seine Rede langsam und lachend.

Ins letzte Viertel der Milchstraße bitte, aber hurtig, mein Fahrensmann, das Leben geht zu ende, mach deine ölschleuder klar, schwing die Hebel, las die Kolben bumsen, hast du eigentlich Kinder?"

Fahrender Taxifahrer, verreißt fast das Lenkrad.

"Schnauuuuzeeeeeeee!"

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Montag im Kalihafen

"He, Du Arsch", grölt der Vorarbeiter.
"Dir kann man zwischen den Schritten die Schuhe besohlen, beweg Dich gefälligst schneller, Schlappschwanz!"
Der Gescholtene erwidert kein Wort, in seinem trockenen Mund bleibt ein "Dreckskerl" auf der Zunge im Kalischleim haften. Er hebt sein schmerzendes Bein höher, rückt den Zentnersack auf seinem gekrümmten Rücken noch einmal zurecht und kriecht schneller. Wie eine lahme Heuschrecke überquert er den weißbestäubten Beton. Mit einem aus den Fugen geratenen Gesichtsausdruck erreicht er den LKW, wuchtet unter Stöhnen die Last auf die Blechkante. Der Abnehmer hilft ihm, den Sack abzusetzen, sagt nichts, schaut kurz auf.

Der Humpelnde bewegt sich wieder zum Schiff, entlastet das Bein. Wenn der junge Vorarbeiter nicht zu ihm herüberschaut, ist Weihnachten. Jetzt ist Frühstückspause. Die Arbeiter latschen Zigaretten drehend, den Kalistaub auswerfend, über den Hof. In der Bude sitzen schon einige scheinbar uralte Hafenarbeiter. Manche trinken Bier, spülen den Ärger des frühen Tages, den Bissen Wurstbrot hinunter; hinein in ihre vor Arbeit, Sauferei, Lebenshunger und Traurigkeit berstenden Körper. Einer ist vertieft in sein Sportblatt, greift geübt unter den Papierrand hindurch nach der Käsestulle. Der mit dem Bein presst die Hände auf den Oberschenkel, sieht mich böse an, als wäre ich sein gottverdammter Schmerz.

Ich schaue zu den anderen Typen, den alten Hasen, rüber. Einer trägt eine Blaukutte. Sein Overall steht und stinkt vor Dreck. Er würde sich gut als Garderobenständer machen, denke ich und grinse.
"Gestern war ich mit meiner Frau im Wald spazieren", sagt ein Greis mit leuchtenden Augen.
"Wir haben Pilze gefunden."
"Und, hast Du's Deiner Alten wenigstens besorgt?" fragt ein Halbwüchsigerer aus dem Mundwinkel heraus, ohne den entgeisterten Blick des pilzsuchenden Romantikers zu sehen. Der sagt ganz gelassen:
"Steinpilze haben wir gefunden, Jungs, stellt euch das vor, Steinpilze, solche Dinger und jede Menge davon. So groß wie eine Untertasse", setzt er noch ganz begeistert hinzu.
Er trägt den vergangenen Sonntag in sich und keiner will mit ihm dieses Gefühl an einem ausdruckslosen Montag teilen. Er hat immer noch den Duft seiner Frau in der Nase. Bei jedem zögerlichen Atemzug blähen sich seine Nasenflügel wie der pulsierende Körper eines Insekts.

Die Sirene beendet die kurze Pause. Der mit dem Bein kommt schlecht hoch. Er hat nichts gegessen, nur hastig zwei Flaschen Bier getrunken.
Dieser verteufelte Schiffsbauch will nicht leer werden. Schicht um Schicht schleppen die Männer ihre Gesundheit in Kunststoffsäcken davon, während der LKW ächzend in die Knie geht und seine Achsen sich quälen. Die Ladeklappen werden geschlossen.
Vorgedrehte gekrümmte Zigaretten werden fieberhaft geglättet und in Münder gesteckt, Flammen an die Papierspitzen gehalten. Blauer Rauch steigt in den Vormittag hinauf. Zeit zum Rauchen ist nicht da. Ein verträumtes hektisches Saugen an der mageren Brust des Lebens, für wenige Sekunden - erbärmliches Glück. Dann rauscht ein neuer LKW heran, die Klappen krachen hinunter, Träume zerspringen, lösen sich in den Chemikalien.

Ich nehme meinen ganzen Mut zusammen, spreche den Kerl mit dem bösen Blick in dem schiefen Gesicht an.
"He, Kumpel, was ist mit Deinem Bein, hast Du's Dir gequetscht?"
Er lacht dünn, abweisend: "Du junger Studentenarsch willst wissen, was mit dem Ding hier ist, he?
Riech da, wo ich geschissen habe!" Er klopft bedeutungsvoll mit dem weißen Knöchel seiner Hand auf das Bein, auf sein Bein.
"Knochenfraß", sagt er abgehackt.
"Nächste Woche wollen sie mir das Scheißbein abnehmen. Und wer soll dann wohl für meine Familie sorgen, he, kannst Du mir das sagen, Milchgesicht - Klugscheißer, waaas?"
Ich kann es ihm nicht sagen, will mich von diesem Elend schnell abwenden. Er aber nagelt mich fest, hält mein angstvoll zuckendes Herz in seiner Hand, meine Seele klebt an seinen Worten. Er studiert mich - die Augen strahlend blau - so, als verkörpere ich das, was er in sich hineinfrisst. Dieser irrsinnige schwarze Schmerz, der sein sterbendes Bein im Würgegriff hält und nicht mehr loslassen kann.

Und der Schatten eines verirrten Lächelns huscht über das graue Gesicht dieses Mannes.
Es ist Montag im Kalihafen. Hier prallen nicht nur Generationen aufeinander, denke ich.
Es sind Welten der Generationen von arm und reich - zwischen abgezähltem Glück und persönlicher Katastrophe.

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Guter alter Diogenes

Ach, lieber Diogenes, wie bewundere ich dich, der du so genügsam in deiner Tonne wohntest.

Du sahst die in ihrem Wahn nach Anerkennung und Liebe und Macht vorübereilenden Menschen. Du lächeltest ihnen einstweilen zu, hieltst dir deine sonnengegerbte Hand wie einen Schirm vor die Stirn und schautest den armen, reichen Leuten nach.

Nicht wehmütig sahst du ihnen nach, nicht neidisch, eher ein klein wenig trauernd um die Wahrheit, die den so Beschäftigten abhanden gekommen war.

Oft hattest du einen Spruch, eine Erklärung, eine bahnbrechende überlegung für sie bereit, die sie zuweilen nicht hören wollten, wegen ihres Zeitmangels - oder nicht nachvollziehen konnten, wegen ihres lückenhaft ausgebildeten Verständnisses.

Manchmal aber wurdest du gefeiert - deiner Schlauheit und deiner Schlagfertigkeit wegen. Dir lag die Welt zu Füßen, obwohl du nichts hattest, um sie zu kaufen und das wunderte viele Menschen deiner Zeit. Du hobst die Welt nicht auf, wolltest sie nicht besitzen oder verändern. Du wußtest, du ahntest, was Reichtum ist. Die anderen aber mutmaßten nicht einmal, was ihre Armut, die sie fälschlicherweise als Reichtum deuteten, mit ihnen angestellt hatte.

Diogenes, wo lebst du eigentlich heute - denn, ich hörte, du würdest immer aufs neue wiedergeboren werden, schon seit vielen hundert Jahren. Man sah dich im Orient, in Amerika und jetzt - Skandinavien hast du als Wohnstätte ausgelassen - sah man dich kürzlich in Deutschland in einer großen Stadt. Welche war's nur?
Ich glaube, die Stadt mit dem großen Hafen und dem Michel. Hamburg war es. Hamburg mit seiner Alster und seiner Elbe. Mit seinem Jungferstieg, mit seinem Fischgeruch, mit seiner Reeperbahn.

Du, Diogenes, hast dich in den Jahren verändert. Auch deine Wohnstätte ist modern geworden.

Früher lagst du in deiner Tonne und heute wohnst du im Karton - eher etwas abseits von der Hauptstrasse. Bist du etwa menschenscheu geworden? Früher hattest du immer ein angemessenes Wort für die einfachsten und auch für die einflussreichsten Zeitgenossen. Du warst da, wie ein Baum an der Straße des Lebens, der nur Sonne, Wasser und Luft zum Leben benötigt. Einfach, genügsam und philosophisch.

Heute lebst du im Pappkarton, dem Haus einer Tiefkühltruhe, säufst dir die Leber kaputt, du rauchst, du hast oft zigtausend Euro Schulden. Und, du redest kaum noch mit den Leuten, die vorüber gehen. Du bettelst sie an um einen Euro, du schaust ihnen nach, bekümmert, weil du nicht so sein kannst wie sie. Traurig, weil man eh nicht auf dich hören würde und traurig, weil die Gesellschaft dir unrecht getan hat.

Wenn du den alten, wahren Diogenes oder seine entzückende Geschichte kennen würdest, dann würdest du jeden Tag Ausschau nach dem Bürgermeister oder nach dem Kanzler halten. Du würdest nur noch für diesen einen Tag leben. Um Gottes Willen, du würdest dir vorher eine Sonnenbrille oder einen Sonnenhut erbetteln. Nur keinen Fehler machen, wenn eine hochgestellte Person dir begegnet. Aber keiner von denen kommt zu dir, an dein Papphaus heran, das nicht einmal so rund wie eine Tonne ist. Keiner von den großen Tieren klopft bei dir an die dünne Wand und bittet dich um Rat.

Wenn Alexander Der Große käme, und die Chance scheint weitaus größer zu sein, dass er zurückkommt, dann würdest du ihn um eine Wohnung bitten, um eine Arbeit, um einen Schutz vor der brennenden Sonne und um Essen, vielleicht um ein wenig Anerkennung, sogar auch um einen Krümel Macht. Damit du ein Mittel hast, um den vielen Gestalten der Stadt, die ähnlich wie Diogenes Leben - aber nicht so denken - helfen zu können. Um ihnen allen endlich eine schöne, warme, runde und komfortable Tonne zu kaufen. Eine Tonne, gut ausgestattet mit DVD, Video und Radio, mit einer Einbauküche, einem Billardraum, eine Tonne mit großem Vorgarten.
Ja, du würdest ihnen hoffentlich auch die Erkenntnis schenken, die es dem wahren Diogenes ermöglicht hat, zu sagen:

"Geh mir aus der Sonne, König".

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Die Traummaschine

Unsere Gegenwart ist eine verrückte und komplizierte Zeit. Die Technologie und die ökonomie schreiben dem Menschen vor, wie er zu leben hat. Die Erkenntnisse, die aus der Computertechnik, der Medizin, oder der Biochemie, der Raumfahrt und nicht zuletzt aus der Psychologie und der Soziologie resultieren, haben nicht wirklich einen eklatanten Fortschritt mit sich gebracht. Die Forschung hat dem Menschen zu keiner humanistischeren Weltsicht verholfen. In unserer ära kann sich nahezu jeder mit jedem anderen Zeitgenossen - egal wo - austauschen, wenn er nur über die technischen Hilfsmittel verfügt und das Bedürfnis der Mitteilung verspürt. Ein Austausch über Sorgen und Nöte ist eine Sache, die humanistisches Feingefühl erfordert und nicht durch Technologie ermöglicht wird.

So atmen wir jeden neuen Tag tapfer durch, verlieren nicht das Vertrauen in unsere Welt. Wir hoffen auf den Tag, der uns endlich Zufriedenheit beschert. Jeder muss sich mit dieser Zeit, auch wenn er ihren Wandel nicht ganz nachvollziehen kann, aussöhnen, was bleibt ihm auch anderes übrig.
In den pulsierenden Städten dieser Welt, an Straßenecken, Unterführungen, Bahnhöfen und Flughäfen, in allen öffentlichen Gebäuden, stehen seit kurzer Zeit seltsame unansehnliche blaue Stahlautomaten. Passanten bleiben skeptisch vor diesen Blechkisten stehen, sie lassen Münzen in einen rötlich umrandeten Schlitz hinein gleiten. Wenn das Geldstück tief in das Innere des Automaten hinab gefallen ist, geht nach einer Weile ein leichtes Beben, ein seltsames Zittern durch diese Maschine. Schnarrende Geräusche, wie man sie von veralteten kleinen Druckmaschinen kennt, sind zu hören. In einer Auffangschale, ähnlich der eines Spielautomaten, rieselt kaum hörbar, ein einfarbig bedrucktes Kärtchen hinein - es ist eine Art Los, ein Ticket. Ein unscheinbares Pappkärtchen nur.
Die Höhe des Betrages, die der Kartenerwerber in das Gerät einwirft, ist nicht definiert. Jeder gibt das, was er will und was er kann. Die Karten werden, je nach Anwender, ganz individuell mit Schriftzeichen unterschiedlicher Sprachen bedruckt. Der Automat weiß wie er auf den Besucher einzugehen hat, was äußerst geheimnisvoll erscheint. Nicht selten sind es Symbole, die sich auf den Kärtchen befinden. Manchmal sind es sogar kleine Geschichten, in winzigen Buchstaben gedruckt. Jeder Automatenbenutzer, der eine - nennen wir sie Glückskarte - durch die Maschine erhalten hat, bekommt diese eine Karte für den genauen Zeitraum eines Jahres. Dann sollte er das sonderbare Billett unbedingt zurückgeben haben.
Wenn also der Rückgabezeitpunkt eintritt, führt der Träumer sein Kärtchen in den Rückwurfschlitz des Apparates ein. Darauf erfolgt unkommentiert die Erstattung des ehemals gezahlten Betrages. Das Gerät ähnelt auch jenen Parkautomaten, wie wir sie in Tief-oder Hochgaragen vorfinden. Sollte aber eine Karte erst nach Ablauf des Zeitlimits zurückgegeben werden, hat sich das, was auf der Karte steht, bedauerlicherweise nicht erfüllen können. Es handelt sich schließlich um Traum - oder Glückskarten, die sozusagen das Los jener Menschen, die ihr Geld in den Automaten werfen, verbessern oder vervollkommnen sollen. Wenn ein Traum nicht in Erfüllung gegangen ist, kann das eine Reihe unterschiedlicher Gründe haben. Vermutlich hat der Karteninhaber nicht stark genug an die Schrift gewordene Erstarrung seines Traumes geglaubt oder er hat nicht hart genug an eben jener differenzierten Verwirklichung des Glückes gearbeitet. Möglicherweise hatte er einfach nur eine Pechsträhne. Die Karte wurde in einer Jackentasche vergessen und somit der Traum nicht mehr beachtet. Die Maschinen sind sehr nachtragend, sie haben nicht nur ein elektronisches Hirn. Ihr Gedächtnis ist elefantös.

In den letzten Monaten sehe ich immer häufiger Leute vor diesen bizarren Automaten stehen. Verunsichert nesteln sie, auch Kinder sind dabei, an ihren Geldbörsen herum. Sie werfen die Münzen ein, horchen dem Schnarren und Rattern, sie ergreifen gespannt ihre Karten. Dabei kann man dem Mienenspiel der Menschen gelegentlich entnehmen, ob der Hinweis auf ihrer Traumkarte die Verwirklichung ihres Glückes zulässt. Geschulte Betrachter jener Gesichtsausdrücke spekulieren darüber, ob die Erwerber einer Karte an ihrer Illusion zerbrechen werden oder ob sie sich ihren Traum erfüllen können. Maskierte Mitarbeiter der so genannten Glücksgesellschaft überprüfen stets die Funktion der Automaten, sie schmieren die mechanischen Teile und warten die elektronischen Baugruppen nebst Kabelverbindungen. Sie füllen aber - das ist sehr eigenartig - niemals Karten nach, sie entnehmen dem Automaten zu keiner Zeit auch nur einen einzigen Cent. Zumindest hatte ich Derartiges nie gesehen, wo ich doch schon seit Wochen das Geschehen an den Automaten aufmerksam verfolge.
Erwähnenswert ist auch die Tatsache, dass jeder Kunde seine Karte zurückgeben sollte. Andernfalls bekommt er keine neue. Wer sein Glück gefunden hat, gibt auch bereitwillig die Karte zurück, er darf dann eine weitere erwerben und so an der Realisierung eines anderen neuen Traumes arbeiten.
Die Glücksgesellschaft hat einen Automaten geschaffen, der heute an jeder Straßenecke installiert ist und in der Lage zu sein scheint, sich in gewisser Weise selbst zu regulieren. Ob nun in Berlin, in Bombay oder in Brooklyn, seine Funktion ist in jeder Metropole der Welt gleich.
Mich beschäftigten neulich, als ich mit dem Gedanken spielte, eine Münze einzuwerfen, gleich mehrere Probleme:
Warum gehen die Leute zu einem Automaten, um diesen danach zu befragen, welchen Traum sie träumen und was für sie Glück bedeutet? Welcher Trick versetzt diesen einfältigen Blechkasten in die Lage, den Städtern bestimmte Illusionen zuzuteilen und das mit einer subtilen und verblüffenden Auswahl und Gründlichkeit? Funktioniert das möglicherweise mit einem Zufallsgenerator und wie generiert der Apparat dann die Symbole und seine instruktiven benutzerorientierten Texte?
Ich hörte kürzlich von einem vermögenden Freund, der sich eine jener Karten besorgt hatte. Der Mann fand nur ein Wort auf diesem Kärtchen vor. Er zeigte es mir. Ich las das Wort "Yacht". Und genau diese Yacht war sein Traum, seine Triebfeder, sein Streben und sein privates Glück. Der Freund fühlte sich in der Tat in seinem - sagen wir - Traumgebilde bestätigt und schaffte es tatsächlich, innerhalb von nur acht Monaten, seinen Yachtraum zu realisieren. Die Karte gab er anschließend dem Automaten zurück und bekam prompt sein Geld erstattet. Der Einsatz betrug übrigens, das verriet mir der Freund mit einem auf mich befremdlich wirkenden Lachen, nur einen mageren Cent.
Dieses Kuriosum stimmte mich sehr nachdenklich, es erschien mir unbegreiflich und phantastisch aber war leider auch von Hoffnungslosigkeit geprägt. Nun, da die Traumgesellschaft, von der man nicht wusste, wo auf der Welt sie überhaupt ihre Geschäftsräume unterhielt, immer neue Traummaschinen aufstellte, stand auch ich vor einem dieser merkwürdig geformten metallenen Apparate. Es war kaum möglich, ihnen aus dem Wege zu gehen. Sie schienen einen magisch anzuziehen. Mir kam es schier so vor, als würden die Glücksmaschinen mir nachlaufen. Ich stand also davor, schaute grüblerisch an dem lackierten Metall hinauf und hinunter. Auf dem Boden entdeckte ich plötzlich eine jener Karten. Misstrauisch aber doch fasziniert und neugierig hob ich sie auf. Die graue Pappe war feucht vom Regen und schmutzig von der Straße. Ich versuchte, die Schrift oder ein Symbol zu erkennen. Ich wischte mit meinem Taschentuch darüber und konnte nur leidlich etwas entziffern. Ich überlegte kurz, was ich mit dieser bedruckten Pappe anfangen sollte. Gelesen hatte ich sie noch nicht. Diese Karte würde vermutlich jemandem von großer Bedeutung sein. Schließlich handelte es sich um eine Art Lebenslos. Ohne diese Karte war der Besitzer vielleicht verloren und der Möglichkeit, sein Heil zu finden, für immer beraubt. Andererseits konnte es sich um eine banale Träumerei handeln. Die Anschaffung eines Luxusautos, die Umsetzung einer Weltreise, der Besitz eines Sportflugzeuges.
übrigens, meine vorangestellte Darstellung über den Regelkreis der Traummaschine war nicht differenziert genug.
Denn, manche Menschen warfen ihre Karte, wenn sich ihr Traum nicht verwirklichen ließ, einfach achtlos in den Dreck. Sie waren, so enttäuscht und ohne Visionen, plötzlich zu Gegnern dieser einstmals Hoffnung spendenden Glücksgeneratoren geworden. Darum überlegte ich mir, dass die Karte, die ich in meinen Händen hielt, vermutlich das Produkt einer Enttäuschung sein könnte. Ich schaute auf das nunmehr getrocknete Billet. Buchstaben standen da, schwach zu erkennen. Ich las das einfache Wort: "Brot". Wer in Gottes Namen, dachte ich verwundert, wünscht sich von dieser Maschine einen gewöhnlichen Kanten Brot? Dieses in unserer aufgeklärten und alles möglich machenden Zeit, wo Menschen im Besitz von Milliarden sind? Dieser Wunsch in einer Großstadt, die doch noch mehr zu bieten hatte. Wo Gelder wie reißende Flüsse in die großen Konzerne strömten. Ströme, die gelegentlich Existenzen, ganze Lebenswerke unter Wasser setzten, sie mit sich zogen und die daran haftenden Menschen in die Katastrophe stürzten.

Kurz entschlossen, steckte ich die Karte in den Rückschlitz. Ich hatte etwas Angst, schaute mich unsicher um und wollte dieses Stückchen Pappe nicht länger behalten.
Was nun geschah, war völlig fern meiner Vorstellungen. Diesen Moment werde ich niemals vergessen. Der Automat schien sich von der Stelle bewegen zu wollen und wütend aus seiner Verankerung zu springen. Ein Dröhnen und Poltern schüttelte das schwere Metall. Ein kreischendes und rasselndes Spektakel durchzitterte diese eigenartige Maschine. In den folgenden Minuten entleerte sich generös die Blechbrust. Sehr viel Geld flutete in die Auffangschale. Die Münzen schwollen über den Rand, prasselten zu Boden, bildeten einen Berg, der stetig anwuchs. Ich blickte mich erschrocken um. Zuschauer blieben auf der Stelle stehen, schauten ungläubig auf die vielen Münzen hinab.
Plötzlich trat ein kleiner schmächtiger Junge an den Münzenberg heran. Das Kind sah verwildert aus. Seine langen Haare hingen ihm ins Gesicht. Er hatte verfaulte Zähne im Mund. Er war etwa neun oder zehn Jahre alt. Seine Augen blickten wie die eines Greises. Das Kind sprach mit flüsternd krächzender Stimme. Und alle hörten dieses Wort. Wie es dröhnte in ihren abgestumpften verwöhnten Gehören, wie es hineinschnitt in steinerne und auch verfaulte Herzen, wie es fiel, so tief hinab, in leblose blutleere Seelen. Der Junge sagte dieses einfache Wort, das allen so bekannt war, das so elementar und in diesem Moment gar nicht mehr banal klang. Und es wollte nicht enden. Das Wort: "B r o t".
Dann hob der Junge eine Zehn-Cent-Münze auf, steckte sie sich sorgfältig und prüfend in die Hosentasche. Ohne sich umzuschauen verschwand er mit hängenden Schultern im dunstigen Trubel dieser monströsen Stadt.

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Habitus

Die Hände tief in den ausgebeulten Taschen seiner Jeans vergraben, steht Alejandro an Paco's Bar. Hinter ihm das geöffnete Ausgabefenster, an welchem der rasante tänzelnde Kellner die ausgegebenen Bestellungen entgegen nimmt, flink an die Tische fortbringt.
Sommer in Südspanien. Jetzt, in den angenehmen Abendstunden, an der Plaza de la Constitucion, steht er nun wieder - wie an jedem Abend. Die gewohnte eigenartige Erscheinung.
Nahezu angewurzelt, schräg ins Leben gestellt, wie Ringelnatz es damals von sich selbst behauptete. Der Protagonist eines schwarzweißen Standbildes. Erinnerung aus alten Zeiten, ein Bild, wabernd in der Hitze, gefangen im Augenblick des andalusischen Abends. Die Körperhaltung, leicht gekrümmt. Das Gesicht die Silhouette einer beeindruckenden Nase präsentierend. Ein Zinken, der entfesselten Fäusten feucht fröhlicher Nächte mehrfach unterlegen war, daher demoliert ausschaut.
Sein Blick streicht über die Tapas und Tortillas schmatzenden Touristen, die sich laut unterhalten. Fröhlich gestikulierende Einheimische, auch einige fremde Männer und Frauen. Ausgelassene braun gebrannte Gestalten. Lebhafter Tourismus, angelockt von der südländischen Süße dieses stolzen Dorfes - mit dem Namen des Stieres.
Da steht er schon wieder, als wäre er in der vergangenen Nacht gar nicht erst fort gegangen. Neben ihm auch heute sein treuer Kamerad. Beide Gestalten stehen an diesem nicht zu unterschätzenden ehrwürdigen Platz, wo sich damals vermutlich, im Juli 1932, eine aufgebrachte Dorf- und Arbeiterschaft des Ortes versammelt hatte. Diese Plaza ist auch heute ein Ort der Zusammenkunft. Ein Platz der Hungrigen, der verschwitz-ten, durstigen laut durcheinander redenden ausgelassen trinkenden und essenden Fraktion der Fremden.
Aus ganz Europa kommen die Menschen daher. Die Sonne trocknet sie aus, brennt ihnen auf der Haut, macht die Gelenke beweglich, lähmt die denkenden Hirne des urlaubenden Volkes. Die Sinne und Gelüste frei. Durstig, lebenshungrig, das Glück weit greifend, großräumig, unkompliziert.
Die Vergangenheit der früheren Großväter und Väter scheint heute keinen mehr zu interessieren.
An einem Tisch sitzen mehrere Engländer mit ihren Frauen. Lautes betrunkenes Geschrei, exaltierte Bewegungsabläufe, verlutschte Intonation. Witze, die man sich im Club erzählt. Einer - mit gezwirbeltem spanischen Knebelbart macht soeben den Kellner fertig.
"Ich lasse hier verdammt noch eins soviel Geld und werde nicht gut bedient. Ich warte schon Äonen hier auf mein fucking Beer."
Der Kellner ist flink. Bemüht sich, lächelt, mäandert mit seinem Tablett elegant durch die Tischreihen. Er ist eine Art Choreo graph. Dafür wird er bewundert, geliebt, mit Trinkgeld bedacht.
Der Engländer ist griesgrämig, ungerecht - postkolonialistisches Auftreten.
Ein Scheißtyp, sinniert der Barbesitzer, der die Allüren des feisten aber arglos konsumierenden Briten kennt.
Alejandro wirkt wie Luky Luke. Der hätte es den Faschisten vielleicht gezeigt, damals. Er wäre schnell gewesen. Schneller noch als die Unterdrückerdaumen und Finger an den Abzügen der maroden Waffen, zügiger als der eigene Schatten.
Großspurig, mit zögernd gemessenen Bewegungen fischt er sich jetzt eine Zigarette aus dem Päckchen. Schnippt die bläuliche Flamme aus der Düse heraus, brennt den Tabak an. Die Glut leuchtet rot und hell auf, frisst sich in das Stäbchen hinein, leise knisternd, gierig.
Manche Männer - sie sind noch sehr jung - haben keine- oder eine schlecht bezahlte Arbeit. Das erinnert allenfalls an die damaligen Schicksale der Väter und Großväter, die oftmals hungern mussten.
Der schmächtige Kerl dort, der immer am Fenster steht und deutsches Bier trinkt, hat gegenwärtig keinen Job. Er wohnt mit seiner alten hinfälligen Mutter in einer recht bescheidenen putzbröckelnden Wohnung ganz unten im Dorf. Da, wo die Markthalle ist, mit den ranzigen Mülltonnen davor.
Alejandro steht da an der Bar, mit einer grünen Bierflasche in der Hand. So wie ein Westernheld. Sehr cool, breitbeinig, noch unter vierzig, ohne segensreiche Schulbildung, mit einem prüfend schweifenden Blick.
Zieh, so zieh doch endlich deinen Revolver.
Luky Luke zieht aber nicht. Er greift in seine Hosentasche. Gekonnt befördert er ein Feuerzeug ans Licht, schnippt eine gemessene Flamme heraus, gibt der hübschen blondierten Spanierin neben sich Feuer. Seine Augäpfel prüfen die junge Lady. Sein Scharfblick stolpert furchtlos und frech wandernd über die weiblichen Konturen der jungen Frau. Sie nickt kurz, wendet sich zu ihren Freunden ab, wo sie mit schriller Stimme und rasantem Sprechtempo wieder in das Thema von eben zurück gleitet.
Was der Mann mit dem Feuerzeug hier offenbar observiert, weiß keiner. Allenfalls ist der zu klein und zu dick geratene Freund, der nicht von seiner Seite weicht, darüber aufgeklärt.
Schon möglich, er ist beeindruckt von Alejandros Körperhaltung, von seinen Bewegungsabläufen, die sich aber irgendwie nicht zu einem wahren großkotzigen Kerl, der den Habitus eines Helden, eines coolen Jungen demonstriert, fügen wollen.
Eine unklare Schwermut, die subtile Art der Lächerlichkeit, die ihn umgibt, dieses zersprungene Bild eines intuitiv Theater spielenden Mannes erzeugt etwas Asynchrones.
Dieses ahnen gegebenenfalls die Menschen, die bereit sind, ein paar Minuten ihres aufgewühlten Daseins darauf zu verwenden, den Mann verstehen zu wollen. Die seine großspurig anmutende seelisch/körperlich gegeneinander spielende Erscheinung zu ergründen wünschen.
Den meisten Mitbewohnern erscheint Alejandro völlig unauffällig. Er ist so wie er ist. Ein Mann, der an der Bar steht, raucht, trinkt, redet, Feuer gibt.
Er spricht zu seinem Freund, der an Sancho Panza erinnern mag.
"Otra cerveza, amigo mío?" Der Dicke nickt steif und fettig, greift zu. Becks Bier - aus Bremen.
"Saludos mi amigo!"
Alejandro kennt hier jeder. Er spricht im Laufe eines Abends, bist es kühler, nächtlich angenehm geworden ist, quasi mit vielen Leuten. Von den meisten Männern erntet er Akzeptanz. Die Frauen sind amüsiert aber nicht interessiert. Von zwei drei Spaniern wird er nicht ernst genommen. Sie nehmen ihn nicht wahr. Er verkörpert etwas, was sie verunsichert, verwirrt, zeitweise nervt. Gelegentlich ist er - als komische Figur - der Held des Abends. Bei den spanischen Frauen hinterlässt er einen durchaus liebenswerten, aber nicht bis zum nächsten Morgen währenden nachhaltigen mannhaften Eindruck. Sie nehmen ihn nicht zu sich mit nach Hause.
Ihnen entzieht sich eine kleine Tatsache. Nämlich, wie cool, wie unbegreiflich skurril und lässig dieser junge Mann auf achtsame Touristen wirken kann.
Alejandro ist an schlechten Tagen missgestimmt oder bekümmert, weil eine Ahnung in ihm erwacht ist. Die Vermutung über die Unvollkommenheit seines von elementaren Sehnsüchten geprägten Lebens.
Da hilft ihm immer öfter das Bier einer norddeutschen Stadt. Diese kühle Erkenntnis aus den grünen deutschen Flaschen. Das Leben hängt dem Mann wie ein zerschlissenes Heldentuch an Körper und Seele. Angetrunken fühlt er sich beachtet, wertvoll, geschätzt. Wenn er sich selbst dann Flasche um Flasche vergisst, fühlt er sich gut, cool, angenommen, wichtig.
Sein Großvater war übrigens ein wirklicher Held im Spanischen Bürgerkrieg. Für kurze Zeit nur. Einer jener zu betrauernden Kämpfer, die über ihr Heldenstück nicht mehr nachdenken konnten.
Sein Vater, ein katalonischer Taugenichts, gedankenloser Don Juan und Trinker. Lieber wäre Alejandro ein lebenskräftiger Großvater an seiner Seite gewesen, als ein rostiger Siegesstern hinter stumpfem Glas im windschiefen Holzrahmen auf der Anrichte.
Wie gerne hätte er zu einem wahrhaftiger Vater aufgeschaut, der mit ihm vielleicht in die Stierkampfarena nach Malaga gegangen wäre, statt in einer dunklen Posada betrunken über dem Tisch zu hängen.
Für seine kranke Mutter, die er seit Jahren pflegt - als wäre es das Natürlichste von der Welt - ist Alejandro so etwas wie ein Held. Ein Held, dem nur der Krieg, der in ihm selbst tobt, etwas anhaben kann. Das ahnt die Frau.
Mag sein, so eine Art Ritter der traurigen Gestalt ist er. Don Quijote immerhin, war ein Held - zwar mit Papphelm - aber ein Held. Mit einer ungebrochenen reinen Seele im Leib, einem starken Herz in der Brust, welches für eherne Grundsätze schlug. Was wissen schon die anderen auf der Plaza? denkt Alejandro. Sie wissen gar nichts!
Wenn er spät heimkehrt, angetrunken, umnebelt, den Ort einer verschollenen Heiterkeit nicht wieder findend, streicht er seiner kranken alten Mutter zärtlich über die kalte nasse Stirn. Er drückt dann lange ihre Hand.
Manchmal fragt er sich ganz unvermittelt - und die Frage scheint aus einer anderen Welt zu ihm zu hinüber zu wehen - was all die grünen Flaschen aus Deutschland wohl sagen würden, wenn ihnen ein Mund zum Sprechen gewachsen wäre.

* * *
© B. W. Rahe

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